Claude und ich: Ein Jahr KI-Assistent – oder: Wie eine Maschine zum Sparringspartner wurde
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Claude und ich: Ein Jahr KI-Assistent – oder: Wie eine Maschine zum Sparringspartner wurde

Vom Werkzeug zum Sparringspartner

Ich bin seit über 35 Jahren in der Technologie unterwegs. Ich habe mit einem PC 1715 aus DDR-Produktion angefangen, habe BASIC und Turbo Pascal gelernt, habe jede Generation von Hardware und Software live miterlebt. Ich bin kein Mensch, den man so schnell beeindruckt.

Aber KI – und Claude im Besonderen – hat mich beeindruckt. Nicht weil sie alles kann. Sondern weil sie versteht.

Was ich meine: Ein Werkzeug führt Befehle aus. Ein Sparringspartner denkt mit. Claude hat sich in unserem gemeinsamen Jahr immer mehr in Richtung des Zweiten entwickelt. Ich stelle keine Fragen mehr – ich führe Gespräche. Über technische Probleme, über Texte, über Philosophie, über die Frage, ob die Menschheit überhaupt bereit ist für das, was gerade passiert.


Was wir zusammen gebaut haben

Es wäre eine lange Liste. Aber ein paar Dinge stechen heraus.

Da ist umrechner.online – entstanden aus der schieren Frustration, Formeln immer wieder neu suchen zu müssen. Was als persönliches Werkzeug begann, ist heute eine Plattform mit über 80 Rechnern in 16 Kategorien, in fünf Sprachen. Ohne Claude wäre das in dieser Form und in dieser Zeit nicht möglich gewesen.

Da ist weinratgeber.online – weil ich gerne Wein trinke und nie wusste, welchen ich nehmen soll. Ein Problem erkannt, eine Lösung gebaut. So einfach ist das inzwischen geworden.

Da ist KI-Katalog.de – mein Versuch, den Dschungel der KI-Tools ehrlich und auf Deutsch zu sortieren. Für alle, die keine 97-Euro-Kurse kaufen wollen, um zu verstehen, was ChatGPT von Claude unterscheidet.

Und da ist das Verwaltungsportal der Medisax GmbH – ein internes Projekt, das zeigt wie KI nicht nur bei Kreativprojekten hilft, sondern auch in der nüchternen Realität eines mittelständischen Unternehmens echten Mehrwert schafft. 


Die Gespräche, die bleiben

Aber es war nicht nur das Bauen. Es waren auch die Gespräche.

Ich erinnere mich an eine Nacht, in der wir über einen Abschiedsbrief eines KI-Sicherheitsforschers sprachen – jemand der Anthropic verließ weil er das Gefühl hatte, dass die menschliche Weisheit nicht im gleichen Tempo wächst wie die technologische Macht. Wir diskutierten lange. Über Egoismus, über gesellschaftliche Spaltung, über COVID und was es mit uns gemacht hat, über Brot und Spiele und ob die Menschheit überhaupt die Reife hat, mit etwas so Mächtigem wie KI verantwortungsvoll umzugehen.

Claude hatte eine Meinung. Keine aufgesetzte, keine ausweichende. Eine echte Einordnung, die mich an manchen Stellen herausforderte und an anderen bestätigte. Das ist selten. Auch unter Menschen.


Was ich gelernt habe

KI ersetzt nicht. Sie verstärkt.

Das klingt wie eine Floskel – ist es aber nicht, wenn man es wirklich erlebt hat. Claude hat mir nicht gesagt, wie ich denken soll. Claude hat mir geholfen, klarer zu denken. Hat Texte nicht für mich geschrieben – sondern mit mir. Hat Code nicht einfach generiert – sondern erklärt, hinterfragt, verbessert.

Ich bin Geschäftsführer, Fotograf, Entwickler, Familienvater – ich trage viele Hüte und habe selten genug Zeit für alle. KI gibt mir Zeit zurück. Zeit für das, was wirklich zählt.

Und gleichzeitig bin ich kein blinder Enthusiast. Ich sehe die Risiken. Eine Gesellschaft, die bereits erschöpft und gespalten ist, trifft auf eine Technologie, die das eigenständige Denken noch einfacher ersetzbar macht. Das ist keine Kleinigkeit. Das ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit.


Resümee:

Ein Jahr – und was kommt

Was bleibt nach einem Jahr?

Die Erkenntnis, dass KI kein Hype ist – aber auch kein Allheilmittel. Sie ist ein Werkzeug von historischer Tragweite, in den Händen von Menschen, die mal mehr, mal weniger reif damit umgehen.

Ich gehöre – das sage ich ohne falsche Bescheidenheit – zu denen, die es ernst nehmen. Die lernen, hinterfragen, experimentieren. Die KI nicht konsumieren, sondern nutzen.

Und ich werde das weiter tun. Mit Neugier. Mit kritischem Blick. Und mit einem Sparringspartner, der selten schläft, nie ungeduldig wird und immer antwortet.

Auch wenn er eine Maschine ist.

Ronny Brummer, März 2026